11.05.18

Comrades "Marathon" I Den grössten Ultramarathon der Welt Up & Down gelaufen!

Seit einiger Zeit folge ich auf Instagram dem Post von #travel2run! Dieser Titel ist gleichzeitig Programm. Noch mehr als ich selber, der unter dem Motto „Laufend die Welt erleben“ auf den Kontinenten Streckenkilometer sammle, hat Michael die tollsten Laufziele bereits entdeckt und bisher ist noch kein Ende in Sicht;-) Ein Lauferlebnis machte mich mehr als neidisch;-) Seine Teilnahme beim größten Ultralauf Südafrikas - dem COMRADES! Ich war entsprechend Mega Happy als ich die Zusage für einen Gastbeitrag von Ihm bekam:-) Dieser Beitrag ist wirklich beeindruckend und meine Lust, dort einmal zu starten, ist definitiv noch einmal gewachsen! Während des Lesens lief mir ab und zu ein kalter Schauer über den Rücken - einfach super geschrieben! 







Mehr von Michael auf dem  Instagram Account: "travel2run"


Als ich anfing Marathons zu laufen wollte ich eigentlich nur die grossen sechs Majors laufen. 2014 hatte ich alle 6 komplett. 2015 war ich wieder für den Berlin Marathon angemeldet. Marathon in meiner Heimatstadt. Freunde von mir aus USA hatten sich ebenfalls angemeldet. Ich wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass drei von Ihnen sich für den Comrades 89km Ultramarathon angemeldet hatten. Für mich absolut keine Option! Doch dann ging ich eine Wette ein: Lorna läuft einen Marathon in etwa 5,5-6 Stunden. Sie ist eher die langsame Läuferin, aber kann stundenlange Ultramarathons durchhalten. Allerdings muss man, um sich überhaupt anmelden zu können beim Comrades, nachweisen, dass man einen Marathon in unter 5 Stunden schafft. Um sie zu motivieren wettete ich mit ihr, dass wenn sie den Berlin Marathon unter 5 Stunden schafft, ich Comrades mitlaufen werde. Und tatsächlich schaffte sie es in 4:59:55! Verdammt, dachte ich. Freute mich aber auch irgendwie gleichzeitig. Eine neue Herausforderung.
 

Um die Geschichte kurz zu machen: Anfang Juni 2016 ging es dann nach Durban, Südafrika. Es sollte in diesem Jahr der sogenannte Down-Run werden, dass heisst, es geht von Pietermaritzburg im landesinneren nach Durban an die Küste. 89km, vom höchsten Punkt bei 850 Meter hoch unter wider runter und wieder hoch. "Rolling Hills" wie man im englischen sagt. Ich möchte es an dieser Stelle etwas kürzer halten. Der Lauf war ein absolutes Spektakel in jeder Hinsicht. Es machte riesigen Spass und trotz einiger Tiefpunkte fiel es mir relativ leicht die Strecke in 9:13 zu schaffen. 

Happy im Ziel  2016

Trotz Erschöpfung noch viel Energie übrig im Ziel!



Ich hatte mir geschworen, diese Tortour nur einmal zu machen und dann voller Stolz mit einer neuen Erfahrung und Medaille nachhause zu kehren. Aber relativ kurz danach vereinbarte ich mit meinem Lauffreunden 2017 noch einmal zu laufen. Diesmal dann die umgekehrte Richtung: von Durban nach Pietermaritzburg. Der Up-Run! 

Comrades Expo 2017 mit Lorna



Streckenprofil Comrades Up Run 2017


86,7 km, Start auf Meereshöhe. Die ersten 40 Km schrauben sich kontinuierlich bis auf 850 Meter hoch. Die zweite Hälfte gnadenlos auf und wieder ab. Insgesamt werden 2133meter aufwärts und 1430 meter abwärts absolviert.
Hier also mein Erfahrungsbericht vom Comrades 2017 Up-Run:
Der Wecker klingelte um 3:30. Ich nahm Haferflocken zu mir und trank viel Wasser und Apfelsaft um möglichst schnell die Speicher zu füllen. Ich teilte mir ein Zimmer mit Lorna und wir beide waren wieder unglaublich nervös, neugierig, verängstigt, überdreht. Zum Startbereich am Durban Rathaus waren es nur etwa 20 Minuten zu laufen. Um 4:45 fanden wir uns im Startbereich ein. Das berühmte Shosholooza wurde gespielt. Ein afrikanisches Lied mit motivierendem Inhalt: immer vorwärts, immer weiter. Alle sangen Lauthals mit. Chariots Of Fire ist auch ein Standart der jedes Jahr gespielt wird. 


Am Start mit Lorna Comrades 2017



Aufgeregte grosse Männer mit Tränen in den Augen. Alle wünschten sich Glück. High 5, Hände schütteln, Umarmungen. Nur noch Minuten waren es bis zum Start. Ich drückte Lorna ganz fest und wünschte ihr alles Gute. Sie war Comrades schon dreimal gelaufen, hatte allerdings in 2015 und 2016 das Zeitlimit um 5 Minuten verpasst. Es gibt eine Cut-Off Time von 12 Stunden. Wer es bis dahin nicht geschafft hat, wird nicht gewertet, bekommt keine Medaille. Dramatische Szenen spielen sich kurz vor dem Ablauf der Zeit am Zielbereich ab. Dazu später mehr.


Dann endlich um 5:30 der Startschuss. Der grösste Ultramarathon der Welt setzt sich in Bewegung. Es ist noch dunkel und man muss aufpassen nicht über wegeworfene Kleidung zu stolpern.
Ich musste mich jetzt schon bremsen, die Energie reisst einen mit. Ich versuchte mich bei 6:00min pro KM einzupendeln, war aber viel zu schnell. Ich beschloss locker nach Gefühl zu laufen. Das sollte sich später furchtbar rächen.



 
Immer lächelnd voran! Da ging es mir noch gut;-)



Etwa bei KM 10 hatte ich meine Rythmus gefunden. Ich war zwar immernoch zu schnell aber ich fühlte mich gut und alles erschien im fluss zu sein. Ich joggte die Hügel hoch die jetzt schon den sehr langen dauerhaften Anstieg bis KM 40 ankündigten. Viele Läufer walkten als Teil ihrer Strategie. Ich wollte das nicht. Warum kann ich nicht genau beschreiben, aber ich hatte eine Zielzeit von 9 Stunden vor den Augen und ausserdem ging ja alles sehr gut voran.
Bei KM 25, ca 2 Stunden nach dem Start ging die Sonne auf. Dieses Licht in das alles getaucht wird ist absolut magisch. Ich war wie in Trance und hatte soviel Energie. Irgendwo in meinem Hinterkopf hörte ich Warnrufe aber ich ignorierte sie. Ich war viel zu schnell aber auch gleichzeitig so vertieft. Ich lief wie eine Maschine.



Kleiner Einruck von denn Ausblicken, denn Leuten und der Strecke

 

Nach 4 Stunden hatte ich die Hälfte der Strecke geschafft. 43Km. Ich war überwältigt von meinem Teilerfolg. Ich hatte jetzt noch eine Stunde Puffer um es unter 9 Stunden zu schaffen. Der schwerste Teil war geschafft. Fast 850 Höhenmeter überwunden mit Leichtigkeit.

Nachdem ich den ersten Teil mehr wie in Trance verbracht habe, fing ich jetzt an die anderen Läufer und die Zuschauer wahr zu nehmen. Es ist so toll die Südafrikaner am Rand zu sehen, die dich anfeuern, für dich Shosholoza singen. Die kleinen Kinder die für die Läufer tanzen. Es war mittlerweile sehr warm und die Sonne voll da. 


Und dann passierte es: mit einem Schlag war meine Energie weg. Ich hatte noch 35 Km bis zum Ziel. Eben noch ging es mir gut, und plötzlich war mir heiss, hatte kaum Kraft. Ich wurde wütend und jetzt rächte sich mein schnelles Anfangstempo. Ich versuchte mich zu beruhigen aber das klappte nicht so richtig. Ich brauchte irgendwas was mich ablenkte. Also tat ich etwas was mir das Jahr davor auch schon geholfen hatte: ich lief noch ein Stück bis ich drei schwarze Frauen entdeckte, die zu "I like to move it, move it" tanzten und ich tanzte einfach mit. Die drei waren so begeistert, umrundeten mich und feuerten mich an, schrien mich an. Die haben sich mehr gefreut als ich und das gab mir etwas Energie zurück. 



Tanzend mit den afrikanischen Frauen



Das trug mich etwa 3 Km weit. Dann ging es mir wieder schlechter. Ich sah das nächste Schild: noch 32Km bis zum Ziel. Ich wurde jetzt wütend und verbittert. Dachte mir, warum mach ich das hier eigentlich. Was soll das alles?! Die blöden Zuschauer die meinen Kampf sahen und riefen: "fast geschafft". Wie bitte? Fast geschafft?! Ich brauche noch mindestens drei Stunden. Was ist daran fast geschafft?! Und die Sonne? Gnadenlos scheint sie fast schon höhnisch lachend auf uns Läufer herab. Das grelle Licht, reflektiert von dem vielen übergelaufenen Wasser an den Verpflegungsstationen. Regelrecht ätzend. Die Hitze unter meinem Cappy wurde fast zuviel aber ich wollte das Cappy nicht abnehmen. Irgendwo steht bestimmt eine Marathon-Photograph der dann ein ziemlich unvorteilhaftes Foto mit verwuschelten Haaren macht. Das ist nicht nur eitel, sondern auch ziemlich bescheuert.

Ich fing an Selbstgespräche zu führen. Mit mir zu schimpfen warum ich so schnell rennen musste die erste Hälfte. Zielzeit hin oder her, es soll ja auch Spass machen. 


Kurz nach meinem kleinen Selbstmitleidsanfall kam ich an der Ethembeni Schule vorbei. Eine Schule für körperlich behinderte und blinde Kinder. Diese Kleinen sind so hoffnungsvoll und fröhlich. Rufen Deinen Namen und feuern die Läufer an. Eins der kleinen Mädchen schaute mich direkt an und sagte zu mir: "Dont give up Michael!". "Gib nicht auf!". Ich fing plötzlich an zu weinen. Ich kam mir so dumm vor. Nicht weil ich Mitleid mit diesen Kinden habe. Sondern weil ich mich schämte, dass ich Mitleid mit mir selbst gehabt hatte. Wer bin ich denn, zu beurteilen was ein Kampf ist? Ich hab mich selber dazu entschlossen hier mitzulaufen. Als Herausforderung, zu sehen wie weit meine Grenze gehen. Kein Grund rumzuheulen weil ich die 9 Stunden nicht schaffe oder weil es so heiss ist.



Die Kinder der Ethembeni Schule


Also weiter und nach vorne schauen!
Mental ging es mir besser. Na und... und wenn es 11 Stunden dauert. Aber ich sah jetzt hässliche Dinge: umgekippte dehydrierte Läufer, kotzende Läufer, humpelnde, Läufer die am Rand saßen und aufgegeben hatten, blutende Nippel. Mir gehts doch gut dachte ich mir.
Jetzt waren es "nur" noch 19km bis zum Ziel. Ich konnte wieder einigermassen rennen. Seit 32km-to-go war nur walken zum grössten Teil möglich gewesen.
Bei 10km bis zum Ziel hate ich "es" wieder verloren. Aber ich wusste es würde bald vorbei sein. Da kommt noch ein übler steiler Hügel bei KM 7-6. Der heisst Polly Shorts. Hier rannte jetzt keiner mehr. Alle walkten. Es war so still. Nur das gleichmässige Tap-Tap-Tap der Schuhe und schweres Atmen. Ein Läufer war in der Lage zu singen: Queens "We will Rock You!" Niemand sang mit. Alle waren viel zu erschöpft.
Dann kam ich endlich oben an und von hier war es jetzt nur noch abwärts. Als ich dann endlich in der Stadt Pietermaritzburg ankam mit etwa 3km bis zum Ziel, wurden die Menschengruppen am Rand grösser. Wenn jemand rief, FAST GESCHAFFT, dann stimmte es jetzt auch. Plötzlich hatte ich wieder Energie, konnte locker laufen. Die 9 Stunden waren weg, aber das war mir völlig egal. Ich wollte endlich ins Ziel, meine Familie sehen und ein Bier trinken. Ich konnte kein Wasser mehr sehen! 


Im Zielbereich die Finishline im Blick


Dann ging es etwas steiler abärts. Plötzlich konnte ich Jubel und Lautsprecherstimmen hören. Sollte das etwa das Ziel sein?! Ja das war es. Jetzt konnte ich die TOYOTA Werbebanner sehen. Die sind den letzten Abschnitt (ca 800 Meter) bis zum Ziel aufgestellt das wusste ich noch vom Vorjahr. Eine Rechtskurve, durch einen Tunnel. Der Tunnel ist der Eingang zum Stadion wo der Zeilbereich ist. Linkskurve, ein grosser Platz. Ohje, soeviele Menschen... wo ist meine Familie? Ich sah mich um. Lachende Gesichter, klatschende Hände, Schreie. Dann sah ich meine Schwiegereltern mit einer Deutschlandfahne. Ich wollte heulen aber ich war zu beschäftigt mich zu freuen sie zu sehen. Kurzes High-5 und weiter. Wieder eine Linkskurve. Meine bessere Hälfte hatte ich noch nicht gefunden. Ich scannte die Menschen regelrecht ab. Er stand nicht dort wo wir es vereinbart hatten. Ich rannte weiter. Diese Lautstärke, Musik, Menschen überall. Dann hörte ich plötzlich meinen Namen von einer bekannten Stimme. Da stand er. Rief meinen Namen in voller Lautstärke. Winkte mir zu damit ich ihn sah. Ich war so erleichtert. Kurzes High-5. Bestes High-5! Ich drehte mich um und sah plötzlich die Ziellinie hinter einer Rechtskurve. 200 Meter! 



Fast geschafft -  Hinten sieht man die Finishline.


Noch zwei Schritte;-)

Ich hab es geschafft. Tatsächlich! Was vor ein paar Stunden noch fast unmöglich schien ist nun vollbracht. Der Ansager stand mitten auf der Strecke und rief meinen Namen: " Michael you made it! Welcome to the finish!".
Um genau 14:52 überquerte ich die Ziellinie. 9:21:12. Jetzt stand ich da wie ein kleiner Junge. Tränen in den Augen. Glücklich und traurig, dass es vorbei ist. Ich will meine Medaille noch nicht holen. Ich will hier noch stehen bleiben und den anderen zuschauen bei ihrem besonderen Moment. Alte und Junge, Dünne und Dicke, Männer und Frauen, Schwarz und Weisse. Läufer aus der ganzen Welt. Alle mit dem selben Kampf. Alle mit dem selben Ziel. Ich dachte an meine Freunde und ob es ihnen gut ging.
Dann holte ich meine Medaillen. Eine für den Lauf heute. Und eine als Belohnung dafür, dass ich meinen Ersten und Zweiten Comrades direkt hintereinander gelaufen bin. 





Winzige Medallien, riesiger  Erfolg.  Rechts die Laufmedalllie. Links die "Back-to-Back" Medallie als Belohnung für den 1.  und 2. hintereinander gelaufenenn Comrades

 

Ich fand meine Familie. Wir waren alle aufgeregt und redet durcheinander. Ich musste mich hinsetzen und fing unkontrolliert an zu weinen. Alles musste raus. Der Schmerz, das Glück, die Aufregung, monatelanges Training. Millionen Gedanken in meinem Kopf. Völlig erschöpft aber endlos stark. Glücklich über das Ende, traurig über das Ende. Ich liebe die Hügel, die Strecke und die Sonne. Ich liebe dieses Land und mit den Menschen zu tanzen. Ich liebe diesen Lauf. 




Erschöpft und weinend aber Happy

Kurz vor dem 12 Stunden Limit stellte ich mich nah zur Ziellinie. Das muss man gesehen haben. Die letzten Minuten, die letzten Anstrengungen um es irgendwie noch über die Ziellinie zu schaffen bevor Sicherheitsleute die Ziellinie absperren, Lichter ausgehen und die Uhr bei 12:00:00 stehen bleibt. Bei 11:50:00 kam einer der Busse an. Man könnte auch Pacegroup sagen aber in Südafrika nennen sie es "Bus". Es kam eine Gruppe von ca 200 Läufern, alle sowas von glücklich, dass sie es im Zeitrahmen geschafft haben. Sie sprangen umher und liefen Schlangenlinien um die Endorphine rauszulassen. Als der Bus durch war wurde es aber keineswegs ruhiger. Es beginnt ein Countdown. Noch eine Minute. Dramatische Szenen spielen sich ab. Hingefallene Läufer die regelrecht ins Ziel krochen. Alles ist erlaubt solange die Uhr nicht 12 schlägt. 30 Sekunden. Wer jetzt noch nicht die Ziellinie sieht wird es wohl nicht mehr schaffen. 10 Sekunden. Ein Countdown wie zu Silvester. Die Sicherheitsleute stehen bereit um das Ziel zu schliessen. Panik in den Augen der Läufer. Noch sind es 5 Sekunden. 4, 3, 2, 1, 12:00:00. Gnadenlos wird das Ziel geschlossen. Hände vors Gesicht über die Enttäuschung. Tränen vor Schmerz und Unglück. Und ich Jammer rum weil ich 9 Stunden nicht geschafft habe. Unvostellbar: da kämpfen sich Läufer 12 Stunden lang über die Berge, durch die Hitze und dann gibt es keine Finishline. Keine Belohnung. Meine Freundin Lorna war leider wieder unter den Unglücklichen. Zum dritten Mal in Folge. Aber hält sie das auf? Nein. Wir sehen uns am 10.06.2018 in Durban zum 90km Comrades Ultra! Wir haben noch eine Rechnung offen!



Bis bald

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