12.05.17

#Boston121: Der Boston Marathon oder wie ich lernte, den Berg zu bezwingen!

Es ist eine tolle Situation:-) Beim Laufen lerne ich mittlerweile nicht nur interessante Städte , sondern auch immer wieder nette Menschen kennen! Auch nach dem Event bleibt man in Kontakt und tauscht sich über zukünftige (Lauf)ziele aus. Manche Läufe plant man für die Zukunft gemeinsam, andere plant man voneinander unabhängig. Kurioserweise nahmen am diesjährigen Boston-Marathon fünf LäuferInnen teil, die ich erst im letzten Jahr kennengelernt hatte, während ich und Christine beim Two-Ocean Marathon (OMTOM2017) in Kapstadt unterwegs waren. Bei mir löst Boston immer noch schöne und traurige Erinnerungen aus. Ein Dank geht an meine Freunde, die mir mit einen schönen Photo (siehe unten) zeigten - du bist auch dabei;-) Ludger hat im aktuellen Post nicht nur ein Stück weit den Spirit dieses Mega-Events zusammengefasst, sondern stellt auch ein interessantes mathematisches Modell für die Planung der Rennstrategie vor: Die Renneinteilung und Taktik: Laufen nach Zahlen




 Vor dem Osterwochenende erreichte mich in Kapstadt eine SMS von den Freunden aus Boston mit nettem Inhalt: "Du bist auch dabei"! - Danke!

DANKE !!!





Über den Boston Marathon wurde schon viel geschrieben (auch hier: PatriotsDay-Boston2013 Boston Marathon), noch mehr über ihn gesprochen. Viel haben wir über ihn gehört, aber ihn zu laufen ist dann doch was anderes.



(Fast) nur qualifizierte Läuferinnen – ein schneller Marathon!

Um teilnehmen zu dürfen, bedarf es einer offiziell gemessenen Qualifikationszeit (siehe Auszug aus der Tabelle BAA.org Qualifying Times 2018).



Age Group
Men
Women
18-34
3hrs 05min 00sec
3hrs 35min 00sec
45-49
3hrs 25min 00sec
3hrs 55min 00sec
80+
4hrs 55min 00sec
5hrs 25min 00sec




Auszug aus der Qualifying Tabelle von der baa.org Seite des Veranstalters.



Davon sind wir weit entfernt. Nach den sehr guten Erfahrungen mit Interair beim Tokyo Marathon und New York Marathon (beide 2016, siehe auch meinen Blogbeitrag hier: Hand-in-Hand ins Ziel) haben wir wieder die Zulassung über Interair geregelt. An dieser Stelle danken wir Achim und seinem Team schon mal für die Top-Organisation und Ablauf der Reise sowie für die Bereitstellung einiger Bilder in diesem Beitrag.



Durch das Qualifying sind in der Tat viele Marathonis in Boston sehr gute Läuferinnen. Daher liegt die Durchschnittszeit aller ca. 26.411 Finisher (bei 27.221 Startern) auch recht niedrig bei ca. 3:46:00 (2015). Im Gegensatz dazu liegt die Durchschnittszeit in London deutlich über vier Stunden. Also darf man sich nicht allzu viel daraus machen, wenn man bei kleineren Läufen in der Mitte des Feldes rangiert und in Boston eher hinten.



Nach Hopktinton: Schülerfeeling

Der Boston Marathon ist ein Punkt-zu-Punkt Marathon: Keine Schleifen, keine doppelten Wege. Irgendwie muss man zum Start kommen. Der Transport in Boston ist berühmt: Kolonnen gelber Schulbusse bringen einen vom zentral gelegenen Boston Public Garden / Boston Common in 45 Min. nach Hopkinton, wo der Start ist.


Busse warten auf die Starter & Achim Wricke (InterAir) ist heute der "Schülerlotse"(© Isaak Papadopoulos)



Im Bus ist ein aufgeregtes Stimmengewirr: Der Adrenalinpegel steigt und die Vorfreude ist riesig. Für viele sind Wetter und Streckenverlauf natürlich die beiden Top-Themen. Der Geräuschpegel durch das Geschnatter der Starter erinnert an eigene Schulausflüge. Nur dass es in der letzten und der ersten Reihe gleichlaut ist.

In Hopktinton angekommen ist an alles gedacht: Ein Zelt, Essen (Bananen, Riegel, Donuts), Getränke (Gatorade, Mineralwasser). Die Stimmung ist mehr als nur entspannt.


Ankunft am Startort! (© Isaak Papadopoulos)


Entspannte Atmosphäre auch kurz vor dem Start (Foto: Marathonfoto.com/Ludger Schneider-Störmann)



Verglichen mit der Wartezeit in New York verflog die Zeit. Die Wellen gingen nach und nach an den Start. Wir waren in der letzten Welle 4. Der unermüdlich sprechende Ansager, der immer aufmunternde Worte fand, rief uns zum schließlich Start.

„Okay, now it’s on you, yellow mellow group. Go to the start. Remember, the first group is already 20k away…” Na dann kann ja nichts mehr schief gehen, wenn die anderen schon beim Halbmarathon sind. Hoffentlich haben die uns Wasser genug dagelassen. Denn es wird minütlich wärmer.



Tipps von einer Lauflegende

Wir hatten sonniges Wetter bei ca. 20°C. Das bedeutet: Duschen schon vor und vor allem während des Laufs, sonst drohen der Kopf und der Körper zu überhitzen. Bereits vor dem Start kippte ich mir also einen Becher Wasser über den Kopf. Der im Wetterbericht angekündigte Rückenwind blieb aus. Also wurde es ein Rennen gegen die Hitze und die „vier Stufen“ ab km 26. 


Die Vorbereitung auf diesen in jeder Hinsicht besonderen Lauf ist wichtig, denn das Streckenprofil ist ungewöhnlich. 180 Höhenmeter klingen erstmal nicht zu viel. Dem stehen 314 negative Höhenmeter gegenüber, von denen bereits 90 auf den ersten Kilometern bergab gelaufen werden. Hier überdrehen viele Läuferinnen, was dazu führt, dass einem die Luft ausgeht, wenn es ab km 26 merklich nach oben geht. Im Rahmen unserer Reise mit Interair wurden wir von keinem Geringeren darauf vorbereitet als Herbert Steffny. Herbert hat 1996 beim hundertsten Boston Marathon die Majors gewonnen (02:19:33). In diesem legendären Jahr war Uta Pippig Siegerin bei den Frauen (02:27:12). Beide sind in Stein gemeißelt (siehe Bilder), allerdings sind schon tausende von Lauffüßen darüber gelaufen, so dass die Schriftzüge nur noch schwer zu erkennen sind. 

Die Ewigenliste in Boston (Foto: Ludger Schneider-Störmann)

Herbert Steffnys Gravur. (Foto: Ludger Schneider-Störmann)


Insbesondere machte Herbert Steffny auf folgende Fallen aufmerksam:  

  • Die ersten 4km zu schnell angehen, da es bergab geht.
  • Durch falsche Renneinteilung keine Energie mehr für die „4 Treppen“ zu haben. Das gilt insbesondere für den „Heartbreak Hill“.
     

Das unscheinbar wirkende Profil des Heartbreak Hill: 25 Höhenmeter binnen eines guten halben Kilometers, also 4%-5% Steigung (Screenshot mit freundlicher Genehmigung von Greg Maclin).



Die Renneinteilung und Taktik: Laufen nach Zahlen

Da ich schon von dem berüchtigten Berg gehört hatte, wollte ich diesen unbedingt laufen – nicht gehen. Ich recherchierte im Netz und fand Greg Mclins Internetseite www.mymarathonpace.com. Dort bietet Greg für wenige Dollar Dateien an, die mein Herz als Ingenieur höher schlagen lassen: zu vielen Marathon mit Höhenprofil kann man mithilfe der Dateien seinen individuellen Pace berechnen lassen. Das Besondere ist, dass die Höhenmeter berücksichtigt werden. 
 



Weitere Eingabegrößen sind: 
  1. Die Pacing Strategie: von gleicher körperlicher Anstrengung bis zum weitestgehend gleichförmigen Pace 
  2. Die Start Strategie: Vom langsamen Start (Gedränge am Anfang) hin zum leichten Start  
  3. Die Fade Strategie: Wird man am Ende langsamer oder schneller?
  4.  Der Downhill Pace Limiter: Kein Pace Limit (schneller Pace) oder volles Pace Limit (Gelekschonend)  
  5. Negative split bias: Erste Hälfte langsamer als zweite (so lief Steffny)

So habe ich mir mit meiner Zielzeit den Pace für jede Maile bzw. km berechnet, der auch die Hügel mit berücksichtigt.

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Screenshot der Eingabemaske des Programms. (Screenshot mit freundlicher Genehmigung von Greg Maclin)



Die Auswertung ergab zwischen schnellen und langsamen Pace einen Unterschied von 50s! Man kann einfach ein Paceband ausdrucken, mit transparentem Band bekleben (gegen Schweiß und Wasser) und sich um das Handgelenk befestigen. 

Ausdruck der Pacebänder nach der Berechnung. (Screenshot mit freundlicher Genehmigung von Greg Maclin)

Die ersten acht km machen die Unterschiede deutlich: Ein langsamer Start (Getümmel), dann bei km 4 den Hügel runter und bei km 7 wieder rauf. (Screenshot mit freundlicher Genehmigung von Greg Maclin)


Alle Angaben sind im Vergleich zum anderen Bild identisch mit Ausnahme der Anfangsgeschwindigkeit (Fairly fast start). Deutlich ist der Unterschied zum langsamen Start erkennbar, der auf den ersten drei Kilometern signifikant anders ist. (Screenshot mit freundlicher Genehmigung von Greg Maclin)




Natürlich trägt man selber dafür Verantwortung, dass die Zeiten im Rennen eingehalten werden. Aber ich war erstaunt, wie gut die Einstellung „even Effort“ bei mir funktionierte: Die kleinen und größeren Steigungen waren wirklich gut zu laufen. Anders als in New York musste ich so nicht den Heartbreak-Hill gehen. Für einen Zahlenmenschen wie mich war die Datei eine große Hilfe.



Was mir gefehlt hat war, dass ich bei großen Temperaturen oder bei Gegenwind natürlich langsamer unterwegs bin – aber das würde ich bei einem weiteren Rennen in jedem Fall im Kopf haben.



Was für ein denkwürdiges Rennen: Katherine Switzer feiert den 50 Jahrestag ihres großen Marathon-Coups

1966 begann eine Revolution im Marathon. Frauen waren zu Laufwettbewerben über 800m nicht zugelassen! Laut männerdominierter Wissenschaftswelt würden bei längeren Strecken die Frauen körperliche Schäden erleiden und ihnen Haare auf der Brust wachsen. Was für ein Unfug! Das dachte sich auch Roberta Louise "Bobbi" Gibb. Sie war die erste Frau, die den Boston Marathon ohne Startzulassung beendet hatte (in 3:21:25). Weltrekord J! Im Jahr darauf folgte ihr Katherine Switzer. Sie hat sich allerdings unter K. V. Switzer angemeldet und hatte so eine Startnummer (261) als Frau. Die Fotos, auf denen zu sehen ist, wie der Rennleiter versuchte die Frau mit Gewalt aus dem Rennen zu stoßen, gingen um die Welt.
 


In diesem Jahr jährte sich dieses Ereignis, als dessen Folge wenige Jahre später Frauen für Marathonwettbewerbe zugelassen wurden. Katherine Switzer und viele andere Frauen liefen den Marathon zum 50. Jahrestag nochmal. Mit 70 Jahren schaffte sie die Distanz in nur 4:44! Respekt. Die Nummer 261 ist seit diesem Jahr für sie auf ewig reserviert.

Katherine Switzer locker fröhlich kurz vor dem Ziel (© Isaak Papadopoulos)

Auf dem Wege nach Boston

Die College Girls kurz vor dem Halbmarathon sind auch viele Stunden nach dem Start noch wahnsinnig motiviert und kreischen was das Zeug hält. Wieder einmal erlebe ich ein Publikum, welches den großen Motivationspreis verdient. So freundlich, fröhlich, ausgelassen und aufmunternd wie diese 500.000 Zuschauer entlang der Strecke sind nur wenige auf der Welt. Daher war es irgendwie leicht, mit großer Freude trotz der Schmerzen zu laufen.


Die Fans jubeln jedem zu und sind absolut Marathon-verrückt. (© Isaak Papadopoulos)



(Lauf)Partnersuche mal anders

Unterwegs sah ich eine Läuferin, die offensichtlich auf Partnersuche war: „I am looking for a partner, tall and runner“ stand auf einem Zettel, von dem sich Interessenten die Telefonnummer abreißen konnten. Eine außergewöhnliche Idee, wie ich finde.



Sitzen

Ich suchte im Ziel nach meiner Partnerin: Sie war (wie immer) schon längst vor mir angekommen. Da sich der Zielbereich aber hinzieht, fand ich Wiebke zunächst nicht. Da ich nun doch ein deutlich spürbares Ziehen ab dem verlängerten Rücken verspürte, blieb ich ab und zu mal stehen. Es gibt netterweise keine Fotos, die mich dabei zeigen. Denn ich muss wohl schlimm ausgesehen haben: Eine Helferin bot mir glatt einen Sani-Rollstuhl an. Kaum saß ich, kam auch schon eine Ärztin zu mir: „Are you okay? Your heart, your head okay?“ Ich war überrascht und sagte: „Everything is fine, but my – excuse – butt hurts” “Oh, you can say that: I got one, too” lachte die Helferin. Da ich offenbar “nur” erschöpft war, wurde ich freundlich von der Ärztin wieder zum Aufstehen bewegt: “Better walk around and get up: the pain will go away quickly then“. Nun denn. Schließlich fanden wir uns und gingen zum nah gelegenen Hotel.



Mit Tokyo war dies vielleicht unser schönster Marathon bisher. Da stimmte alles: Organisation, Wetter, Strecke, Publikum, Glücksgefühle. 

Mit Medaillen und überglücklich (© Interair)


Bis bald











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